Am Ende der Welt


Das Gastfreundliche Meer

Natürlich weiß ich, dass es im Zeitalter des Postkolonialismus politisch völlig inkorrekt ist, vom Ende der Welt zu sprechen, zumindest im geographischen Sinne. Denn natürlich ist das alles eine Frage der Perspektive, und tatsächlich würden Kaukasier Batumi wohl eher als Tor nach Europa bezeichnen. Aber für die Griechen der Antike war hier am äußersten Ostende des Schwarzen Meeres endgültig die Welt zu Ende. Wer hier ankam, hatte sich schon mit Meeresungeheuern, Amazonen und den unberechenbaren Strömungen und Stürme des "Gastfreundlichen Meeres" (ein Begriff der später als Musterbeispiel des Euphemismus in den Gríechischunterricht eingehen sollte) herumgeschlagen. Ich hatte es erheblich leichter, aber auch ich wollte nur noch ins Bett, als ich nach einem unruhigen Nachtflug von Istanbul (das Gastfreundliche Meer ist auch und gerade auf 10.000 keine Freude!) und vier teils auf dem Flughafen, teils auf dem Bahnhof von Tbilisi verbrachten Stunden (für die kurze Zeit lohnt das Hotelzimmer ja nicht) und einer sechsstündigen Zugfahrt in Batumi - und damit auf unerwartet klassischem Boden - ankam.
Die Küste um Batumi soll das Ziel Jasons und seiner Argonauten gewesen sei, und auch wenn die Geschichte wenig rühmlich für die Bewohner dieser Gegend war (für die Griechen im Übrigen auch nicht) gehört sie heute zur Stadtvermarktung. Medea steht, stolz mit dem Goldenen Vlies in der Hand auf einer hohen Säule auf dem schönsten Platz der Altstadt, Seilbahngondeln und Fischerboote heißen Argo (oder auch Medea) und eine Frau im Hinterhof meiner Pension wird Mediko gerufen, was die georgische Version von Medea sein soll. Dass die Kontakte zwischen Griechenland und der östlichsten Schwarzmeerküste nicht nur ins Reich der Mythen gehören, beweist eine rotfiguriger Krater im Regionalmuseum: Bessere Ware sieht man auch in Museen im Mittelmeerraum nicht.

Medeas Pizza. Wenn man bedenkt,
dass wir von einer buchstäblich legendären
Giftmischerin sprechen - Guten Appetit!

Heute sind die Kontakte zur Türkei eng. Die Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt und in den Straßen höre ich viel türkisch, Restaurants, Hotels und Transportunternehmen sich offensichtlich fest in türkischer Hand. In den Straßen um die Moschee Batumis könnte man sich zwischen türkischen Restaurants, Frisören und Läden auch in Istanbul fühlen - wäre da nicht die russische Kolonialarchitektur.


Adjaria, die Region um Batumi war jahrhundertelang unter Osmanischer Besatzung und wenn die Geschichte stimmt, die im Regionalmuseum erzählt wird, kämpfte man all die Jahre tapfer gegen die türkischen Feinde um den Anschluss an Georgien. Wenn es so war, dann ist die alte Feindschaft inzwischen vergessen- Ob es stimmt, dass die Adjaren heute noch mehrheitlich Muslime sind, kann ich nicht sagen. Ich habe meine Zweifel, dafür liefen mir am gestrigen orthodoxen Palmsonntag doch zu viele Menschen mit geweihten Zweigen durch die Straßen.

Kommentare

  1. Ein sehr schöner Artikel. Und eine sehr schöne Region ) Zu der Religion lässt sich sagen, dass laut der Statistik heute ca. 30% der Adjaren Musilme sind, und das merkt man auch - in Großstädten wie Batumi ode Kobuleti gibt es kaum noch Muslime, in den Bergen haben viele inzwischen zum Christentum gewechselt, auch wenn ihre Vorfahren mal Musilme waren. Es gibt viel Migration aus der Türkei und die versuchen dann natürlich den Islam wieder zu "beleben", aber es bleibt ohne besonders erwähnennswerte Ergebnisse.

    AntwortenLöschen
  2. Ja, die Dörfer in Adjara müssen wohl bis zur nächsten Reise warten - dann suche ich da genauer nach der Wiederbelebung des Islam!

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen