Alte Hauptstadt, neues Parlament

Nur schwer nehme ich Abschied vom Meer und kehre ins Landesinnere zurück. Die Küstenstrecke erlaubt noch mal wunderbare Blicke aufs Meer und auch die Berge sind schön, dann aber folgt die schier unendliche Ebene von Kolchis, fruchtbar, entsprechend dicht besiedelt und ziemlich langweilig. Dafür gefällt mir mein nächstes Ziel Kutaisi aber wieder sehr gut.
Hatte mich Batumi schon neidisch gemacht, wie eine Altstadt aussehen kann, in der man nicht beliebig mit der Abrissbirne wütet, so machte mich Kutaisi noch neidischer und trauriger. Ja, es ist eine Kleinstadt und hat nicht die Landfluchtprobleme der Hauptstädte, aber hier hat man den Altstadtkern aus dem 19. Jahrhundert doch sehr schön erhalten und renoviert. Sicher werden Puristen zahlreiche Bausünden sowohl der Sowjets als auch der neuen Zeit feststellen, aber ich bin erstmal beeindruckt.
Von dem älteren Kutaisi, der Stadt bevor die Russen im frühen 19. Jahrhundert kamen, ist dagegen nicht mehr viel übrig. Einige Häuser am Fluss Rioni sehen aus, als könnten sie auch in der Altstadt von Tbilisi stehen, aber das sagt nicht viel über ihr Alter aus - in der Altstadt von Tbilisi ist ja auch nicht alles wirklich alt.


Bagrati-Kirche über Kutaisi
Kutaisi als Stadt ist allerdings tatsächlich alt. Im 10. Jahrhundert war hier unter der Herrschaft der Bagratiden die Hauptstadt Georgiens und daran erinnert noch die damals gebaute Bagrati-Kirche - wobei "damals gebaut" für den heutigen Bau nicht wirklich zutrifft: Dank den Osmanen, die die alte Kirche im 17. Jahrhundert bei einem ihrer vielen Kriegszüge im Kaukasus zerstörten und der heutigen Brutal-Restaurierung (ja, gibts auch in Kutaisi, ich gebs zu!) sieht die Kirche heute nicht nur aus wie neu, sie ist es auch. Die UNESCO, auf deren Welterbeliste das Gelände steht, ist nicht begeistert, aber wie viele UN-Institutionen hat sie nicht mehr Macht, als unglücklich zu gucken und "das tut man - eigentlich - nicht" zu sagen.
Die Bagratiden blieben übrigens bis ins 19. Jahrhundert Herrscher in Imeretien, der Region  um Kutaisi und kamen so auf fast tausend Jahre Herrschaft.




Aber Kutaisi ist nicht nur eine alte Hauptstadt. Seit 2012 tagt hier auch das georgische Parlament in einem mit einer riesigen Glaskuppel überdachten Plenarsaal. Damit ist das Parlament nicht nur aus der Hauptstadt Tbilisi in einer Kleinstadt, sondern auch noch an deren äußersten Stadtrand verbannt worden. Ich gebe wegen Dauerregens schließlich auf, näher ranzukommen. Die Gegend aus verlassenen Fabriken, Baustellen und dubiosen Autowerkstätten wäre vermutlich auch bei schönerem Wetter ungemütlich. (Erinnert sich noch jemand an der alten Witz aus der deutschen Hauptstadtdebatte "Die Regierung bleibt in Bonn und die Opposition geht nach Berlin" - so ähnlich funktioniert wohl die Verlegung des Parlaments durch den Präsidenten aus der Hauptstadt hier.) Für das Parlament wurde übrigens ein sowjetisches Ehrenmal für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs abgerissen. Die Entsowjetisierung geht hier weit.


Mann sieht es nicht, aber es hat wirklich in Strömen gegossen

Kommentare