Frauen in die Stadt

Eine Frau ohne Kinder ist ein leerer Ort -
Graffiti einer armenischen und einer russischen Künstlerin,
am Institut für moderne Kunst.
Statue am Institut für moderne Kunst  "Die Stadt in mir"
(Yervand Kochar?)
in Gestalt einer zersplitterten Frau.
Der feministische Graffiti-Workshop war kein Witz. In einem eiskalten Studio trafen wir eine Gruppe junger Frauen und auch einiger Männer, die an der Erstellung von Graffitis arbeiten wollten, um feministische Parolen in den Jerewaner Alltag zu bringen. Bei der Gelegenheit lerne ich auch gleich noch eine Frau kennen, die mit armenischen Flüchtlingen aus Syrien arbeitet, und eine, die zu Arbeitsrechten in Armenien arbeitet. beide Projekte fand ich sehr spannend und hoffe, dass ich es irgendwann noch schaffe, mehr darüber zu erfahren. An diesem Abend ging es aber eben um Graffiti, als Versuch, mehr Frauen und Frauenthemen in den öffentlichen Raum in Jerewan zu bringen. Zwei erfolgreiche Projekte gab es dazu schon: Einmal der Entwurf eines Wandbilds (eines ziemlich kleinen Wandbilds, wie ich anmerken muss), in dem sich eine armenische und eine russische Künstlerin mit dem Bild der kinderlosen Frau in der armenischen Gesellschaft auseinandersetzen. Für viele meiner Freundinnen ist der Druck, ein Kind zu bekommen ein großes Thema. Egal, ob sie vielleicht gar nicht wollen, oder ob es eben nicht so einfach klappt - kinderlose Frauen fühlen sich in Armenien ständig in der Position, sich rechtfertigen zu müssen. Für dieses Wandbild greifen die beiden Künstlerinnen die Frauenstatue des Jerewaner Bildhauers Yervan Kochar auf, die nur wenige Meter entfernt steht. Das zweite Graffiti-Projekt ist vollkommen inoffiziell und wird von einer Freundinnengruppe organisiert: Sie sprühen das Porträt der armenischen Dichterin Shushanik Kurghinian auf Hauswände und vor allem in Hauseingänge. Shushanik Kurghinian wurde 1876 in Gyumri geboren und machte sich einen Namen mit revolutionären Gedichten: Revolutionär, weil sie Frauenrechte ebenso einforderte, wie sie sich  für die Revolution im Zarenreich einsetzte, von der sie sich eine Verbesserung der Lebensbedingungen aller erhoffte. Sie starb schon 1927, gehörte also nicht zu denen, deren Hoffnungen 1937 auf brutalste Weise zerstört wurden. Beliebt ist sie bei den Offiziellen in Jerewan offensichtlich auch nicht: Die Stadt, die so gerne Bilder von nationalen Dichtern auf Hauswände malen lässt, ignoriert die Dichterin und lässt die Graffitis von ihr sofort übermalen. Deshalb auch das ausweichen auf die Hausflure. Da überleben die Bilder länger. Gefunden habe ich aber keins, allerdings hat eine Freund versprochen, mir noch ein Bild zu schicken.
Die neuen Graffitis werden vermutlich lauten "Im Namen der Mutter, der Tochter und der heiligen Geistin". Bei allem Feminismus und modernster Gendertheorie bin  ich doch manchmal überrascht, welche für mich so altbacken wirkenden Sprüche hier noch für Begeisterung sorgen. (Bei der armenischen Kirche allerdings weniger.)

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