Glaube in Georgien

In diesem Sommer verkündete eine deutsche politische Stiftung, Aserbaidschan würde immer islamischer und begründete das unter anderem damit, der Staat baue die größte Moschee im Südkaukasus. Am bedenklichsten an dieser Nachricht war, dass niemand, kein Journalist oder Exil-Aserbaidschaner, der sich darüber aufregte, feststellte, dass Aserbaidschan nun mal auch das einzige muslimische Land im Südkaukasus ist und dass sich bisher niemand in Europa aufgeregt hat, dass sich Armenien und Georgien schon seit Jahren mit gigantischen Kirchbauten zu übertreffen versuchen. Dabei hat zumindest Tbilisi massenhaft Kirchen und es kommen ständig neue hinzu: in Hinterhöfen, zwischen sowjetischen Häuserblocks und - besonders verhasst bei meinen georgischen Freunden - auf Schulhöfen. Einer erklärt ganz offen, er halte Kirchenbau für eine fantastische Einnahmequelle für die Kirche: sie sammele Geld für den Bau, fordere dann umsonst Material von den entsprechenden Firmen und lasse unbezahlte Schüler und Anwohner dann die Arbeit machen.


 


















Oder wie ist es mit der Geschichte: ein Millionär stiftete Geld für eine gigantische Kirche, die das Stadtbild nachhaltig verändert, lässt sich dann von der Kirche bei den nächsten Wahlen massiv unterstützen, wird zum Premierminister gewählt und tritt wenig später zurück, nachdem er den  politischen Apparat mit seinen Leuten durchsetzt hat. "Oh nein, er ist nicht korrupt," erklärt ein Freund mir "Aber was hilft es, wenn es alle seine Freunde sind?" Tja, was hilft es? (Möchte man sich vorstellen, was die deutsche Presse darausmachen würde, wenn es um eine Moschee ginge?). Immerhin hat der Patriarch der Georgisch-Orthodoxen Kirche nun ein neues, repräsentatives Reich. 84 Meter hoch, drei Untergeschosse, insgesamt neun verschiedene Kapellen, ein "Jugendclub"´, der sich ebenfalls in einem der Untergeschosse befindet und gähnend leer ist, ein riesiger Park und eine Begrenzungsmauer, die an alte georgische Klöster erinnern soll, für mich aber stark nach den Sowjetbauten in der Innenstadt aussieht - ja, das Ganze ist eindrucksvoll. Und ziemlich leer. In der Hauptkirche sind zwar gleich drei Brautpaare in verschiedenen Stadien der Hochzeit beschäftigt, aber während Hochzeitfeiern hier oft sehr groß sind, findet die kirchliche Trauung hier offensichtlich im engsten Familienkreis statt. Für mich verstärkt sich das Gefühl der Leere noch dadurch, dass georgische Kirchen keine Bankreihen haben. Hier steht die Gemeinde den ganzen Gottesdienst über. Auch dass die Wandmalereien noch nicht fertig sind, im Gegenteil, bis auf die Vorzeichnung eines Christusbildes in der zentralen Apsis noch nicht einmal begonnen wurden, gibt dem ganzen noch etwas Unfertiges.

Wenn man mir nicht gesagt hätte, dass es der Jugendclub ist, hätte ich ja auf Gruft getippt



Anschließend das Kontrastprogramm, die alte Davidskirche - oder das Davidskloster? So richtig was es nun ist, ist mir nicht klar. Jedenfalls zwei Kirchen und das Pantheon der georgischen Geistesgrößen, inklusive Stalins Mutter. Früher einmal lag das Ensemble am Hang weit über der Altstadt. Neue Gated Communties sind inzwischen bis zu ihr heran gewachsen, aber dennoch wirken die zwei kleinen Kirchen und der Friedhof der georgischen Helden daneben wie sehr weit weg vom Trubel der Stadt, obwohl sie sogar seit über hundert Jahren eine eigenen Haltestelle an der Seilbahn auf den Berg, an dem sie liegt, hat. Oben befinden sich der Fernsehturm und der Vergnügungspark von Tbilisi und so erstaunt es mich nicht, dass ich die einzige bin, die auf halber Höhe aussteigt.

Die Kirchlein sind winzig, schon zehn Betende hätten in der kleineren Kirche Platzprobleme und die alten (oder sehr gut restaurierten?) Fresken leuchten trotz der Dunkelheit. Auch der Friedhof mit seinen fantasievollen Grabsteinen lohnt sich wirklich - auch wenn ich kaum einen Namen entziffern kann. Noch einmal: Wie soll ich denn mit Kultur und Geschichte eines Landes vertraut werden, wenn ich nicht mal die Gedenkplatten entziffern und später googlen kann?! Und nein, diese Schrift lerne ich in diesem Leben nicht mehr. Wirklich würdigen kann ich nur das Grab Gribojedows, des russischen Dichters, der ermordet wurde, als er in Persien die Reparationszahlungen nach dem Frieden von Turkmenchai überwachen sollte - dass das ein übler Job sein würde, war vermutlich auch schon vorher klar.
An einer kleinen Quelle soll eine Mauer sein, an die junge Mädchen Steine pressen – bleibt der Stein an der Mauer kleben, heiraten sie noch dieses Jahr. Vielleicht ist der Brauch inzwischen ausgestorben oder es ist doch zu kalt für Ausflüge hier hoch, jedenfalls sehe ich keine jungen Mädchen, die sich um eine Mauer versammeln. Dafür hängen ein paar Männer verschiedener Altersgruppen im Kirchhof herum und beobachten jeden meiner Schritte. Als schließlich einer unter dem Grinsen der anderen fragt, ob ich denn allein sei oder einen Ehemann hätte, ergreife ich die Flucht. Frau muss das Schicksal ja nicht unbedingt herausfordern.

Bisschen dunkel. Vielleicht kann ich es für die Weihnachtskarten noch aufhellen.

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