Wenn die Brücken, wenn die Bogen...

Athena-Tempel in Priene - der dorische Tempel mit
den ionischen Säulen vor beeindruckender Kulisse.
von der Steppe aufgesogen
und die Burg im Sand verrinnt
wenn die Häuser leer geworden
wenn die Heere wenn die Horden
über unsern Gräbern sind....

Ok, ok, ich höre schon auf, Benn zu zitieren. (Aber ich bin doch gerade so schön dabei...) 
Auf jeden Fall war ich die letzten Tage viel in Städten, auf die genau diese Beschreibung zutrifft: Ephesos, Priene, das antike Smyrna, Didyma: überwucherte Brücken und Bogen, leere Häuser, im Sand verronnene (ist das wirklich das korrekte Imperfekt?) Burgen, mehr oder weniger viele Heere und Horden von Touristen über den Städten - und im Fall der Celsius Bibliothek in Ephesos mit dem Grab des Stifters und der St.Johannes Basilika mit dem (angeblichen) Grab des Heiligen Johannes auch buchstäblich über den Gräbern der ehemaligen Bewohner. 
Nach dem Wiedersehen mit Ephesos im Frühjahr feiere ich nun auch noch Wiedersehen mit Priene und stelle beruhigt fest, dass sich meine Lieblingsgrabung erfreulich wenig verändert hat: Noch immer sind die Häuser und Straßen überwuchert, nichts ist überdacht, restauriert oder in seltsame Rekonstruktionen gegossen, damit Touristen sich die Antike besser vorstellen können, wie es in Ephesos geschehen ist. Dazu die großartige Kulisse der Berge dahinter und das Spätabendlicht - perfekt (der letzte Dolmuş zurück ins nahegelegene Söke fährt nach Sonnenuntergang gegen sieben. Kein Grund zur Hektik.)


Apollon-Tempel in Didyma.
Guterhaltenes ionisches Monstrum.
Wer etwas mehr Rekonstruktion will, findet sie am Apollon-Tempel in Didyma etwas weiter südlich, einer gigantischen Anlage um eine simple kleine Orakelquelle. 


Private Archäologie: Die Ruinen meines früheren Lieblingsrestaurants in Priene.
So viel zur Vergänglichkeit des sicher
geglaubten.
So skeptisch ich mit meiner Leidenschaft für dorische Tempel dem "ionischen Monstrum" gegenüberstehe, so beeindruckt war ich dann doch von der Größe und den Mustern, die dann doch gar nicht so überbordend, sondern im Verhältnis zur Größe ausgesprochen passend waren.
Natürlich war auch Ephesos wieder schön, vor allem weil ich diesmal endlich Zeit hatte, es in meinem Tempo durchzuarbeiten und mich auch einmal ganz den Hanghäusern zu widmen, deren Neueröffnung ich bei meinem letzten Besuch vor wirklich vielen Jahren knapp verpasst hatte. Die Fresken rechtfertigen den extra Eintritt und die Kletterei am steilen Hang, auch wenn die Besucherführung es schwer macht, den Überblick über die einzelnen Räume und ihre Beziehung zueinander zu bekommen. Vielleicht ist das aber in einem Häuserkomplex, der über mehrere Jahrhunderte immer wieder umgebaut wurde, so und so nicht mehr möglich.
Celsius Bibliothek in Filz.
Sage niemand, dass der Besuch nicht doch inspirierend war.
Erst musste ich aber meine interkulturelle Künstlergruppe noch einmal intensiv über die Grabung schleifen. Auch das hat sich gelohnt, trotz einigem Gemaule über den Eintrittspreis und die "unprofessionelle Führung". Herzlichen Dank auch. Das nächste Mal überlasse ich euch dem Deppen, der neben mir erklärte, der berühmte Ausspruch Heraklits von Ephesos hätte gelautet "Wasser fließt immer nach unten". Aber vermutlich hätten sie sich über diese Perle griechischer Philosophie nicht mal gewundert.

Ach ja, das Benn Gedicht heißt nicht nach einer zweitausend Jahre alten Stadt, sondern "Berlin" und beschreibt wohl eher die Situation 1945. Aber es sagt eben auch dasselbe aus, wie die Grabungsfelder: Die Vergänglichkeit dessen, was Generationen als sicher angenommen haben. 

Zu dieser Brüchigkeit ebenso wie zu historischen Wiederholungen das nächste Mal mehr, denn auch zu uns in die Bergidylle und die ästhetischen Träume sind die Neuigkeiten aus Ankara gedrungen. 

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