Eine Frage der Nähe

Menschen packen ihre Sachen zusammen. Das wichtigste in die Koffer, ein bis zwei, mehr kann man nicht tragen. Sie packen ein und aus, das Bücherregal wird dreimal umgeräumt: Was passt in zwei Koffer? Wem gibt man die Schlüssel, wenn die anderen Nachbarn schon geflohen sind? Lohnt es sich, die zurückgelassenen Kisten zu beschriften, damit die Plünderer wissen, was drin ist? Vielleicht durchwühlen sie sie dann nicht. Vielleicht bleibt das Leben der Geflohenen noch ein kleines bisschen geordnet, auch wenn sie es selbst schon verlassen haben. Vielleicht hält man doch noch einen Tag länger durch. Die Dokumentarfilmerin Livaa Yazi hat Syrer kurz vor ihrer Flucht aus Damaskus begleitet. Sie zeigt Menschen, die sich von einem sicher geglaubten Leben verabschieden, das gerade in Trümmer gebombt wird.
Gesehen habe ich den Film "Maskun - Haunted" in der West-Ukraine. Eine Gruppe jungen Menschen aus dem Donbas hat ihr gezeigt. Auch sie haben ein sicher geglaubtes Leben verlassen. Manches aus dem Film können sie verstehen, manches kennen sie von Freunden, die immer noch packen, immer noch bleiben, weil das Haus, die Möbel auch Teil von einem Selbst ist.
Zwei Millionen Binnenflüchtlinge hat die Ukraine im Augenblick. Ungefähr 3500 von ihnen leben in der kleinen Stadt Ivano-Frankiwsk ganz im Westen. Egal, wie stark die ukrainische Regierung betonen mag, dass der Donbas immer zur Ukraine gehören wird - die meisten von ihnen betrachten ihren Abschied vom Osten als endgültig und machen sich daran, ein neues Leben aufzubauen, oder "einen Garten anzulegen" wie ein junger Mann es nennt. Im Gegensatz zu anderen Regierungen (ich will jetzt keine Namen nennen...) stellt die ukrainische Regierung ihnen da auch nichts in den Weg. Noch werden die Binnenflüchtlinge hier noch nicht als politische Verfügungsmasse gebraucht, um die Rückgewinnung des Donbas um jeden Preis zu rechtfertigen - aber vielleicht auch nur, weil die Regierung das im Moment auch kaum rechtfertigen muss. "Bring sie bloß nicht auf solche Ideen," ruft die Mitarbeiterin einer Flüchtlings-NGO nur halb im Spaß, als ich von der Situation von IDPs in Aserbaidschan erzähle. Es gibt wenig Unterstützung, aber auch (noch) keine Instrumentailisierung. Immerhin.Dafür spielen die Binnenflüchtlinge in der Politik überhaupt keine Rolle, umso weniger, als sie in den kommenden Kommunalwahlen auch nicht wählen dürfen. Der Wahlkampf vor den schönen, etwas unrenovierten Fassaden der österreichisch-ungarisch-deutsch-jüdisch-polnischen Stadt des 19. Jahrhunderts findet ohne die Neubürger statt.


Iwano-Frankiwsk.
Sowjetische und alte Fassaden nebeneinander

"Die Ukraine sieht umso schlimmer aus, je weiter man von ihr entfernt ist," erklärt ein Professor an der Uni Lviv mit Blick auf die westliche Berichterstattung. Mir erscheint es umgekehrt, wenn man einmal im Land ist.

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