Von Nilpferden und Stadtplanung

Vor knapp einer Woche - in der Nacht zum Sonntag - stand ein Nilpferd auf dem Heldenplatz in Tbilisi. Das in jeder Hinsicht reichlich deplatzierte Tier wurde zum Internetstar und schaffte es sogar auf die Titelseite der FAZ, als Aufhänger für einen Artikel über die Probleme der Zootierhaltung. Für viele Einwohner von Tbilisi ein ziemlicher Hohn, gab es doch in dieser Nacht erheblich mehr Probleme in der Stadt als ein orientierungsloses Nilpferd. Nach starken Regenfällen war die Vere, ein kleiner Nebenfluss der Mtkvari (für die, die das nicht aussprechen können: die aserbaidschanische Kura) über die Ufer getreten. Das kommt wohl häufiger vor, allerdings hat das Flüsschen seit einigen stadtplanerischen Glanzleistungen der Regierung Saakashwili (ja, der der gerade Governeur von Odessa geworden ist - manchmal fragt man sich, ob die Sowjetunion wirklich untergegangen ist) keinen Platz mehr, um ohne Gefahr für Anwohner über die Ufer zu treten.Mindestens 19 Menschen starben, hunderte von Wohnungen in den Stadtteilen Vake und Saburtalo wurden zerstört und eben der ganze Zoo von Tbilisi weggespült.
Der ebenfalls stark betroffene Heldenplatz mit seinem Monument, für alle die je für Georgien gefallen sind, wurde 2009 gestaltet. Auch ohne dass er in ständiger Gefahr ist, von Schlammlawinen überrollt zu werden, ist der Platz eine faszinierendes Beispiel, wie man jede Heldenverehrung zur Satire werden lässt: Man packt das Monument, vor dem jedes Nilpferd klein aussieht, in die Mitte eines Kreisverkehrs der wichtigsten Autobahnen der Stadt, so dass man es nur bei Stau wahrnimmt und eigentlich nur angucken kann, wenn man vorher mit dem Auto reingefahren ist. In meinem Freundeskreis in Tbilisi ist klar, dass die vorherige Regierung an der Katastrophe Schuld ist. Umstritten ist nur, ob die neue nicht den selben Fehler gemacht hätte - oder mit ihrem Tbilisi Panorama sogar macht, denn es ist unklar ob der Hang über der Altstadt diesen gigantischen Komplex tragen wird.

Für den georgischen Patriarchen ist die Schuldfrage ebenfalls klar: Die Flut ist die Strafe für die Sünden der Kommunisten, die Kirchenglocken einschmelzen ließen, um an Geld zu kommen, und unter anderem den Zoo in Tbilisi bauten. Ob die Toten und die, die ihre Wohnung verloren haben, nun Kommunisten waren oder sich nur der Sünde eines Zoobesuchs schuldig gemacht haben, bleibt dahingestellt. Ich würde ja erwarten, dass demnächst ein Blitz den Bischofssitz, die Sameba-Kathedrale trifft: Es ist schon beleidigend, dass der Herr fast 100 Jahre gebraucht haben soll, um sich um den Verlust der georgischen Kirchenglocken zu kümmern. Die Protestaktion einer Gruppe Tbilisier gegen den Patriarchen wurde erstmal verschoben, nachdem ein anderer Protest wichtiger geworden war: Nachdem es erst geheißen hatte, alle Tiere wären eingefangen, fiel ein weißer Tiger zwei Männer an und tötete einen davon. Nun ist ein Tiger ein Tier, das man bei der Überprüfung der anwesenden Tiere eigentlich nicht so leicht vergessen sollte, und entsprechend gereizt reagierte die Bevölkerung auf den angeblich "verständlichen Fehler" (ein Mitglied des georgischen Parlaments) des Zoodirektors. 
Zusammen mit der großen Menge freiwilliger Helfer, die seit Tagen in Vake und Saburtalo putzen, aufräumen und Hilfsgüter sammeln, sollte die Frage "Gibt es eine georgische Zivilgesellschaft?" eigentlich beantwortet sein. Interessanter wäre tatsächlich eher die Frage "Gibt es eine georgische Regierung?" (und wenn ja, wozu?)

Jetzt wurde auch noch ein Pinguin in Aserbaidschan gefunden. Offensichtlich ist das Tier einfach immer weiter die Kura heruntergeschwommen (oder gespült worden) ohne sich um die immer rigider werdenden Visabestimmungen zu kümmern. Kein Wunder, dass es schleunigst wieder nach Georgien abgeschoben werden soll. 

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