Presseschau

Da ich gerade auf meinem zu weit westlich gelegenen (wenn auch sehr schönem) Balkon festsitze, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich weiterhin mit Presseberichten und Facebook-Diskussionen über den Kaukasus auf dem Laufenden zu halten.
Da ist neben den schon erwähnten Tbilisier Tigern auch sonst einiges los. In Yerevan geht die Bevölkerung auf die Straße. Nicht, weil einer der wenigen Athleten, die sie nach langen Diskussionen zu den Europäischen Spielen in Baku geschickt haben, von einem Aserbaidschaner besiegt wurde, sondern weil die Strompreise zum ersten August um 16% erhöht wurden. Nun sind Strom-, Wasser- Gaspreise in der ehemaligen Sowjetunion ohnehin ein heikler Punkt, ist doch für viele die Tatsache, dass dies nicht ebenso wie die Wohnungen ein vom Staat gestelltes Grundrecht ist, immer noch schwer nachvollziehbar. Einen besonderen Beigeschmack erhält die Sache, wenn man bedenkt, dass die armenischen Elektrizitätswerke einer staatlich russischen Firma gehören. Prompt wird auch in russischen (und auch in deutschen) Medien von einer generellen Russlandfeindschaft, vom bösen Putin, der immer schuld sei (ernsthaft und ironisch) und von einem neuen Maidan geschrieben. Dass viele Demonstranten ausgezeichnet Englisch sprechen, wird als Beweis angesehen, dass sie von Amerika bezahlt werden bzw. in Wirklichkeit Amerikaner seien. Abgesehen davon, dass es in der NGO-Szene von Yerevan tatsächlich viele Diaspora-Armenier aus den USA gibt, dies ist kein dummes postsozialistisches Volk hinter den sieben Bergen: Die jungen Leute in der Stadt können Englisch. Gewöhnt euch dran.
Auch die Demonstranten beziehen sich auf die Revolution in der Ukraine: mit Schildern "Dies ist nicht der Maidan, dies ist Marschall Baghramian" (die zentrale Straße Yerevans). Im übrigen ist es interessant, dass sich der Protest vom traditionellem Platz politischem Protests, dem Opernplatz, weg buchstäblich auf die Straße verlagert hat. Der Verkehr in Yerevan muss seit einer Woche mehr oder weniger zum Erliegen gekommen sein.
Nach einer Woche voller Unruhen in der Yerevaner Innenstadt ist klar, dass mehr auf dem Spiel steht, als nur die Strompreise. Eine Regierung, die wirtschaftlichen Probleme nicht in den Griff bekommt und zulässt, dass viele nur noch mit dem Geld ausgewanderter Verwandter überleben können, die sogar einräumt, dass die Elektrizitätswerke hochgradig korrupt seien - von den Stromausfällen ganz zu schweigen -, aber dennoch darauf besteht, dass die Erhöhung rechtmäßig ist, macht sich nicht gerade weiter beliebt. Ganz abgesehen davon, dass ihr Wahlsieg auch grundsätzlich angezweifelt wird. Trotz aller bunter Bilder von musizierenden, picknickenden, lachenden Demonstranten ist die Situation ernst. Die Statusmeldung "Bin wieder frei" die ich jetzt regelmäßig lese, lässt tief blicken. 
Eben kam die Nachricht, dass der russische Soldat, der im Januar im armenischen Gyumri sieben Menschen ermordete, an Armenien überstellt wird - kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.
Aserbaidschaner frohlocken, dass sowas in ihrem anständigen Land nicht passieren könne. Das etwas demokratischere Armenien destabilisiere sich selbst, da sähe man wieder mal, was rauskommt. Ein Bekannter, dem ich auf facebook folge, weil ich wissen will, was der Teil der aserbaidschanischen Opposition denkt, der Ilham Aliyev auf der rechts-nationalen Schiene überholen will, warnt nun vor einer Destabilisierung Armeniens durch die "Holigans" (ich liebe dieses wunderbar sowjetisch geprägte Wort für alle, die wagen aufzubegehren). Es könne ein nationalistischerer Präsident in Armenien an die Macht kommen. 
Die Böll-Stiftung macht sich inzwischen Sorgen, über die zunehmende Islamisierung Aserbaidschans. Unter anderen habe der Präsident im Frühjahr die größte Moschee des Südkaukasus eröffnet. Angesichts der Tatsache, dass es sich um das einzige islamische Land im Südkaukasus handelt, schockiert mich das wenig - sollten das christliche Armenien oder Georgien größere Moschee haben als das islamische Aserbaidschan? Hoffentlich denkt Aliyev nicht, er müsse Europa mal wieder seinen Säkularismus beweisen, indem er noch mehr (angebliche) Islamisten verhaftet. Schon jetzt ist fast die Hälfte der politischen Gefangenen in Aserbaidschan deswegen in Haft.

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