Gehört Aserbaidschan zu Europa?

Nun sind sie also eröffnet, die Ersten Europäischen Spiele in Baku, Lady Gaga hat "Imagine" gesungen und die aserbaidschanische Elite glaubte vielleicht wirklich, sie hätten das ideale Land erschaffen. Die Beteiligung europäischer Spitzenpolitiker war sehr gering - und ich werde wieder gefragt, ob denn Aserbaidschan nun wirklich zu Europa gehören würde. Tja, woher soll ich das eigentlich wissen? In Sachen Sport- und Musikspektakel offensichtlich. Geographisch? Nun, dazu wurde ja schon vor fast hundert Jahren alles gesagt (hier). Politisch? Hier stellt sich die Frage ein bisschen anders: Wer will in Aserbaidschan überhaupt zu Europa gehören und warum? Interessiert lese ich die letzten Tage die Facebook-Diskussionen darüber, dass Aserbaidschan die Schließung des OSZE - Büros in Baku angeordnet hat. Das hat es in vielen Medien nicht mal in die Artikel zu den Spielen geschafft, was wohl auch einiges über die Bedeutung der OSZE aussagt. 
Auf jeden Fall lese ich viel "Wir wollen gar nicht zu Europa gehören". Mal klingt es trotzig, weil die Chancen ein es Tages wirklich EU-Mitglied zu werden nun auch gering sind, mal wird die auch von offiziellen Stellen gerne aufgestellte Behauptung wiederholt, Europa wäre von einer armenischen Verschwörung dominiert, die sich gegen Aserbaidschan richte.(Bestimmt sind auch die Armenier Schuld, dass der aserbaidschanische Staat die beiden Yunusovs wegen Hochverrat verhaften musste - hätten nicht irgendwelche armenischen Gruppen mit ihnen gesprochen, wäre das alles nicht passiert.)

Aber oft klingt die Anlehnung fundierter - wenn auch auf dem Fundament recht kruder Logiken. Und sie stammt auch nicht nur von der aktuellen Regierungsseite. Im Gegenteil: Diese wird dafür kritisiert, dass sie überhaupt noch zu Europa gehören will, und manche, die sich als Opposition bezeichnen, feiern laut die Ausweisung der OSZE. Nationalisten erklären, sie würden sich niemals von Brüssel regieren lassen (nicht dass die Präsenz der OSZE so wahnsinnig viel mit Brüssler Europapolitik zu tun hätte) und manche versteigen sich in gender-Klischees, bei denen die europäischen Staaten, nur noch "Mädchen" sind, weil sie zu viel Souveränität abgegeben haben. Echte Männer wie Aserbaidschan täten das nie. 
Da gibt es die Frustrierten aus der Zivilgesellschaft, die finden, wenn Europa nichts für sie tue, brauche es auch gar nicht in Aserbaidschan sein. Nicht ganz von der Hand zu weisen, aber warum bei einigen dann die Logik ist, Russland würde ihre Menschenrechte verteidigen, erschließt sich mir nicht. Aber ich bin ja auch eine westliche Imperialistin.
Andere greifen Europa für sein Versagen an, den Karabach-Konflikt - natürlich im Sinne Aserbaidschans - zu lösen. Da trauen welche der EU und der OSZE immerhin eine Menge mehr Macht zu als die haben. Auch hier wird oft die stärkere Annäherung an Russland gefordert. Wenn die die Krim annektieren können, ohne international in Schwierigkeiten zu kommen, müssten sie auch Aserbaidschan helfen können, Karabach wieder zu bekommen, ohne Ärger zu kriegen. Interessanterweise habe ich auch von vielen Armeniern schon gehört, dass Russland ihr Garant für den Status quo ist, den Aserbaidschan zu gerne verändern möchte: Schließlich hätten sie sich auch nur genommen, was ihnen eigentlich gehört. Wie Russland mit der Krim. 
Was (zumindest in meinen Recherchen) gar nicht auftaucht, sind muslimische Stimmen, die sich eher in Richtung andere islamische Staaten orientieren wollen. Allenfalls wird Europa vorgeworfen, bei Muslimen wesentlich strenger zu sein als bei Christen und viel schneller Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. Das ist nun leider auch schwer zu leugnen. 

Die Tendenz geht eindeutig dahin, dass Aserbaidschan nichts und niemanden braucht und selbst reich und stark genug ist, um sich nicht um andere kümmern zu müssen. Ein reiches Land in einer geopolitisch interessanten Lage, dessen Bevölkerung denkt, es sei sich selbst genug und solle am besten mit niemanden kooperieren? Im besten Fall nur ein bisschen anachronistisch, im schlimmsten Fall ein Land auf dem Weg zur absoluten Diktatur.

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