Drei Jahre später - Let it be?

Wenn es ein Lied gibt, das ich mit meiner Forschung während des Eurovision Song Contest in Baku 2012 verbinde, dann ist es keins der Wettbewerbslieder, die Tag und Nacht aus den vorbeifahrenden Autos schallten, sondern Let it be. In einer gar nicht mal so schlechten Warteschleifen-Version, die ich immer wieder zu hören bekam, wenn ich versuchte, Arif Yunusov zu erreichen. Und das versuchte ich in diesen Tagen ziemlich oft. Ein Bekannter hatte uns vorgestellt und ich nahm begeistert die Möglichkeit an, mit dem Historiker und Soziologen in Kontakt zu kommen, von dem ich schon viel gelesen hatte. Er selbst war extrem beschäftigt, immer wieder verschob sich das Treffen, aber schließlich saßen wir doch noch lange bei Tee und Gesprächen über die Veränderungen in Baku und die politische Situation im allgemeinen zusammen. Es war in dem seltsam leeren neuen Büro der NGO "Institute for Peace and Democracy", die seine Frau, Leyla Yunus, und er gegründet hatten. Das alte Büro, ein paar Straßen weiter, war vor kurzen mit allem Inhalt den Abrissbaggern zum Opfer gefallen. Alltag für viele Menschen in diesem Viertel, aber die meisten hatten doch noch die Gelegenheit gehabt, wenigstens das Nötigste und Wertvollste aus den Häusern zu holen. Für missliebige NGOs galt nicht einmal das. 

Warum ich davon schreibe? In den letzten Tagen bin ich in Gedanken wieder viel in Baku. Diese Woche werden die Ersten Europäischen Spiele dort eröffnet. Wieder ein europäisches Großereignis, wieder hat Aserbaidschan viel Geld investiert, um sich darzustellen, wieder sind die deutschen Medien pflichtschuldig skeptisch und kritisieren die Menschenrechtsverletzungen im Land. Hat sich seit dem letzten Mal etwas verändert? 
Ja. Leider.

Arif und Leyla Yunus sind seit Ende Juli / Anfang August letzten Jahres in Haft. Hochverrat lautet die Anklage, zu viel Wunsch nach Ausgleich und Frieden mit dem Nachbarn Armenien, könnte man auch sagen. Noch gab es keinen Prozess und keiner weiß, wie lange es noch so bleiben wird. Genauso wenig lässt sich über ihren aktuellen Gesundheitszustand sagen. Bis kurz vor ihrer Verhaftung hatte Leyla Yunus (sie verwendet die aserbaidschanische Form des Nachnamens, er die russische) an einer Liste der politischen Gefangenen gearbeitet. Kollegen führen sie weiter, seit sie selbst darauf gelandet ist. 80 Namen sind es, die im Mai darauf standen. Klingt nicht viel im Vergleich zu anderen Ländern, aber zu viele. Viel zu viele. 
Vermutlich werden diesmal nicht mal so viele Menschen nach Baku sehen, wie vor drei Jahren (wen interessieren schon Sportarten wie Sampo?) und danach wird sich nichts geändert haben. Schließlich sind dieses Jahr noch Parlamentswahlen. Wer will da schon Kritiker frei rumlaufen lassen? 

Was dabei rauskommt, hat man ja gestern in der Türkei gesehen. Zu schade, dass ich nicht erlebt habe, wie in Tarlabaşı gefeiert wurde.

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