Ach, Odessa

Der nächste Erinnerungsbeitrag. Diesmal geht der Zeitsprung nur ein Jahr zurück. Am 2. Mai 2014 trafen in Odessa pro-ukrainische und pro-russische Gruppen aufeinander. Die Spannung hatte sich schon in den Wochen zuvor immer weiter erhöht, die russischsprachige Bevölkerung war in Alarmbereitschaft, hatte Angst um ihre Stellen, die angeblich bald nur noch für Ukrainischsprechende offen sein sollten, die ukrainische Bevölkerung sah die Annexion der Krim und den beginnenden Krieg im Osten mit großen Befürchtungen und zunehmender Wut. Wie immer möchte ich den genauen Verlauf dessen, was passiert sein soll, überspringen. Die Analyse ist vor allem in Hinblick auf Medien, Macht und Manipulation interessant und "Wahrheit" ist ein extrem abstraktes Konstrukt in solchen Fällen. Als ziemlich gesichertes Endergebnis gilt, dass ungefähr 40 Menschen von der pro-russischen Seite in einem Haus verbrannten, das von pro-ukrainischen Gruppen angezündet und so verbarrikadiert war, dass wenn überhaupt nur der Fluchtweg durch die Fenster blieb. Das Ende des weltoffenen, friedlichen Odessa mit seinen vielen verschiedenen Religionen und Sprachen ist schon oft erklärt werden worden. Der 2. Mai 2014 ist sicher ein weiterer Schlusspunkt hinter dem Mythos. 

Der Tag wurde mir noch mal sehr präsent durch den Besuch einer Freundin aus Odessa letzte Woche. Ich freute mich wirklich, sie wiederzusehen, und ich weiß es auch zu schätzen, dass sie allmählich dank unserer regelmäßigen Bemühungen ohne Probleme Jahresvisa bekommt. Gerade angesichts der Situation in der Ukraine. Dennoch war der Besuch schwer zu ertragen. L. hat sich noch nie besonders für Politik interessiert. Alles Verbrecher, war ihre Meinung, muss man sich nicht näher mit befassen. Die Medien lügen ohnehin. Seit kurzem hat die Russin, die ihr Leben in Odessa verbracht hat, nun doch Medien gefunden, denen sie glaubt: Youtube-Videos auf diversen pro-Putin-Kanälen. Putin selbst sieht sie eigentlich kritisch, aber er ist doch der Helfer und Retter der Ukraine, die von dummen und kriminellen Ukrainern und Juden ruiniert wird. Ja, auch von Juden, denn Juden haben überall die Macht und das Geld. Ich  bin fassungslos. Ich weiß noch, wie ich 2006 von dem Antisemitismus in Odessa schockiert war, als mir meine Russischlehrerin erzählte, dass alle, die auf dieser Welt Macht hätten, Juden wären (Clinton, Joschka Fischer,Jelzin,  Kofi Annan) und alles eine riesige jüdische Verschwörung wäre. L. übte damals mit mir russische Gegenargumente, zeigte mir das Holocaustmahnmal und schickte mich zu einem Bekannten, der Stadtführungen durch das jüdische Odessa machte. Nun redet sie auch so. Den Holocaust habe es so nie gegeben - naja, so eine Millionen Juden wären vielleicht ermordetworden, aber das wäre im Vergleich zu anderen Opfern nicht so schlimm - , in den KZs wären vor allem Russen gewesen, die Juden hätten sich versteckt und würden jetzt immer noch die Macht haben. Gerade die odessitischen Juden hätten alle überlebt, denn Odessa sei ja von Rumänen besetzt gewesen und Rumänen und Juden wären schon immer gegen die Russen verbündet gewesen. Ich versuche an eine Freundin zu erinnern, deren ganze Familie im Hafen von Odessa erschossen worden war. Nur der Großvater hatte beim Militär überlebt. Unsinn, heißt es auf einmal, Juden würden nicht kämpfen. (Kurzer Blick nach Israel - kein Kommentar). Kurz: Ganz offensichtlich spielt die russische Propaganda in der Ukraine mit den ältesten, ekelhaftesten antisemitischen Klischees. Für die einen ist es die Bestätigung, was sie schon immer gewusst haben, für die anderen (wie L.) ist es nun eine neue Erkenntnis, die aber logisch erscheint. Schließlich hat sie es schon ihr ganzes Leben gehört. Gruselige Aussichten.
Irgendwann haben wir aufgehört, über Politik zu reden. Das Schweigen war nicht besser. Schade, wenn Freundschaften an Politik zerbrechen, Auf den Gegenbesuch im Sommer werde ich wohl doch verzichten. Ja, ich wäre gerne wieder in Odessa. Ich liebe die Stadt und das Schwarze Meer sowieso. Nein, ich habe keine Angst vor einem Kriegsausbruch. Aber ich glaube ich will / kann keine weiteren Gespräche mehr ertragen, in denen zum einen die herrliche, kosmopolitische Vergangenheit der eigenen Stadt gerühmt wird, während gleichzeitig völlig gelassen und mit leichtem Bedauern darüber gesprochen wird, wie unvermeidbar es nun mal ist, die ehemaligen Nachbarn und Freunde umzubringen. Im Rahmen der Rettung der kultivierten Stadt, natürlich.
Baku reicht mir da völlig. Vielen Dank.

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