Filz und Seide

Filz auf Seide - Lebensbaum?
Nun endlich - schon wieder aus dem heimatlichen (?) Berlin der Post über das, was mich im März eigentlich in die Westtürkei gebracht hat: das Kunsthandwerk der Region. Mit einer internationalen Gruppe aus Textildozenten verschiedener Universitäten habe ich Werkstätten besucht, um ein gemeinsames Kooperationsprojekt ihrer Studierenden zusammen mit Kunsthandwerkern in der Region zu planen. Eigentlich kann ich mich ja für Kunsthandwerk begeistern. Auch wenn es mal kitschig oder einfach nur albern ist. Aber ganz ehrlich: wirklich überzeugt hat es mich hier nicht.Was Filz angeht, bin ich aus Kirgistan sowieso sehr verwöhnt. In Tire fanden wir Filzprodukte, die überall auf der Welt hätten produziert und verkauft werden, und es überraschte nicht, dass es Tourismusfirmen waren, die hier eine auf ihre Kundschaft zugeschnittene Produktpalette in Workshops an die Kunsthandwerker vermittelt haben. Den lokalen Touch haben sie dabei allerdings weitgehend vergessen. 
Muster für Gebetsteppiche aus Filz ausgelegt 
zum Einfilzen (Ödemiş) 
Ob sich nun Seidenschals mit eingefilzten Applikationen langfristig verkaufen, wenn es sie doch auch auf jedem deutschen Markt gibt, wage ich zu bezweifeln - auch wenn manches Muster als lokaltypisches "Lebensbaum-Motiv" verkauft wird (wenn ich irgendwann mal ein Baummotiv sehe, dass kein traditionelles Lebensbaum-Motiv ist, kaufe ich es sofort. Das ist dann mal wirklich originell!) 
Die gleichzeitigen Besuche in Museen und auf dem Markt in Tire lassen das Angebot in den Tourismus-Werkstätten noch schaler erscheinen. In den Museen sind viele tolle Muster zu entdecken und auch auf dem Markt scheint die Verknüpfung von alt und neu wesentlich besser zu klappen als in den Workshops - wenn auch oft in deutlich schlechterer Qualität und mit viel Plastik.

Etwas mehr traditionellen Filz fanden wir in Ödemiş, wo traditionelle Gebetsteppiche und Satteldecken für Pferde und Esel gefilzt werden. Ich bin erstaunt, dass es hier noch so viel Pferde und Esel geben soll, ich habe keinen gesehen, aber irgendjemand wird schon einen Grund haben, die grellen Stücke zu kaufen: Offensichtlich trägt der modebewusste Esel diese Saison neon-orange. 
Seidenfabrik in Ödemiş
In Ödemiş gibt es auch eine Seidenfabrik, in der allerdings nur die Seidenstoffe gewebt werden. Die Seidenraupen werden in der Region gezüchtet und als Puppen an die Fabrik verkauft, die sie dann nach China verkauft, wo sie gesponnen werden. Dann kaufen sie wieder Seidengarn aus China, aus dem dann bei ihnen gewebt wird. "Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten," (oder war es versponnen?!) erklärte schon Kurt Tucholsky und hatte damit mal wieder recht. Kunsthandwerk war in der lauten Fabrikhalle mit den vielen elektrischen Webstühlen nicht zu finden und wie die Weiterverarbeitung - also was aus den hier gewebten Stoffen wird - nun aussieht, wurde auch nicht ganz klar. Vor allem, da in erster Linie weiße Stoffe gewebt und verkauft werden. Wo werden sie gefärbt? Denn dass die türkische Modeproduktion nur weiße Seide verarbeitet, ist ja auch nicht sehr wahrscheinlich. Überhaupt sind wir mit den Farben nicht viel weitergekommen bei unseren Recherchen. Naturfarben werden grundsätzlich nicht verwendet, da herrscht der Irrglaube, dass man damit nur gedeckte Farben erreichen kann und sich diese nicht verkaufen ließen. Auch mit Chemie sind die Farbpaletten ziemlich einfach: ein gelb, ein blau, ein rot... - aber wie gesagt, ich bin auch verwöhnt. Mal sehen, wie die Studierenden im Herbst mit der Herausforderung, hier originelle, lokale und gut vermarktbare Objekte zu entwickeln, umgehen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal schreibe, aber tatsächlich scheint mir das größte Potential ausgerechnet in Häkelspitzen - oder etwas klangvoller - in Oya zu liegen. Die Farben und Formenvielfalt ist beeindruckend und ich könnte mir ein Einsatzmöglichkeiten vorstellen, die nichts mit Kopftüchern zu tun haben. Mal sehen.



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