Die Stadt dazwischen

Laut Schild auch eine Sinan-Moschee.
Dafür, dass 10% der Bulgaren Muslime 

sind und das die größte Moschee Sofias sein soll, 
doch ziemlich klein.
Sofia passte zu meinem ersten Eindruck von Bulgarien. Nicht durch die Armut, nein, in der Innenstadt sind die Jugendstilfassaden durchaus farbenfroh restauriert und glänzen im Frühlingslicht, die Läden sind vertraute Ketten, auch wenn mir die gewohnten Luxusmarken aus Baku und nun auch Istanbul hier nicht begegnen, und die Cafes sind voll. Dennoch fühle ich mich irgendwie dazwischen. Zwischen dem Osmanischen Reich und dem christlichen Europa, zwischen Jugendstil und Sowjetprunk, EU-Hoffnung und postsowjetischer Tristesse - kurz: eigentlich wie viele Orte der letzten Jahre, die mir vertraut geworden sind. Und doch nicht, denn mir wird bewusst, wie sehr ich mittlerweile gewohnt bin, mich in einem vertrauten historischen, kulturellen und politischen Umfeld zu bewegen. In Bulgarien habe ich nichts davon. Dank Internetanschluss im Hotel wird google mit so peinlichen Fragen bemüht, wie ob die Bulgaren orthodox sind (sind sie) oder ob das Land auch eine k.u.k.-Vergangenheit hat (hat es nicht). Es ist ein komisches Gefühl, so durch eine Stadt zu laufen, die einerseits vertraut, andererseits sehr fremd wirkt. Eine Moschee und ein Grabungsfeld nebeneinander, eine Kirche und ein stalinistischer Bau, alles recht nah aneinander im Zentrum. Als ich einer kleinen Gruppen Menschen in einen Innenhof folge und eine kleine Kirche finde, realisiere ich erst, als ich den Hof wieder verlasse, dass es sich offensichtlich nicht um einen typisch sowjetischen Wohnbau handelt, sondern um das Bildungsministerium und den Amtssitz des Bulgarischen Präsidenten inkl. kleiner Ehrenwache. Die Bescheidenheit gefällt mir ebenso wie die Tatsache, dass sich die Politik hier offensichtlich nicht hinter Absperrungen und bewaffneten Soldaten verstecken muss. Das ist definitiv unvertraut für mich nach Ländern, in denen Spitzenpolitiker gerne mal ganze Einkaufszentren oder die Altstadt absperren lassen, um ohne lästiges Volk spazieren zu gehen.


Sehr groß dafür die bulgarisch-orthodoxe Alexander-Nevski-Kirche. 
Allerdings sind auch die meisten Bulgaren orthodox und die 
Kirche war tatsächlich gut besucht.
Selbst für die antiken Grabungsfunde im Archäologischen Museum gilt das seltsame Gefühl von sehr fremd und sehr vertraut. Einerseits die griechischen Götter, die mykenisch wirkenden Goldfunde, dann wieder die Irritation, weil ich es die Formen nicht einordnen kann. Thrakische Kunst? Habe ich das Seminar verpasst oder hatten meine westdeutschen Professoren der später 1990er da auch einen blinden Fleck? Haben sie ihn immer noch? Ich schon, denn für nähere Beschäftigung blieb keine Zeit. Viele Museen, viele Kirchen, Markthallen, Straßen, Plätze - letztere wegen immer wieder Regen dann doch nicht so attraktiv. Sieht man auf den Bildern nicht, weil ich dafür die einzigen Sonnenstunden genutzt habe. Aber dass die Stadt auch einen seltsam leeren Eindruck machte, sieht man vielleicht. Waren es die Osterferien? Oder kommt mir nach Istanbul einfach alles leer vor? In jedem Fall aber eine schöne Stadt. 


Synagoge (ziemlich orientalistisch). Das bulgarische Königshaus und die Bevölkerung sollen die 
Deportation der bulgarischen Juden aus Sofia und anderen Teilen Bulgariens verhindert haben - im Gegensatz zu den nicht-bulgaischen Juden aus dem selben Gebiet, die kaum überlebt haben.. Belebt wirkte die Synagoge
am Sabbat aber trotz der angeblich noch existierenden Gemeinde nicht. (Mein Hotel war fast daneben, 
da hatte ich einen regelmäßigen Blick drauf!)

Mich die locken Schilder nach Belgrad, die an der einen Ausfallstraße standen. Ich wusste sogar so wenig von Bulgarien, dass es mich überrascht, wie weit Sofia im Westen liegt. Danach kommt eigentlich gleich Serbien. Planungen sind ja im Moment nicht ganz so mein Ding, aber ich setze schon mal das Label "Balkan". Vielleicht schaffe ich es doch mal, auf dem Landweg nach Istanbul zu kommen und mir dabei etwas Zeit für den Weg zu nehmen. Damit es nicht ganz so wirkt, als hätte ich mich nur mit den verschiedenen religiösen Gebäuden amüsiert noch zwei andere Bilder aus der Reihe "irgendwie vertraut".




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